Das Undenkbare denken: Global Agricultural Commons

Wir spielen Russisches Roulette mit der Erde. Die Klimaforscher – hier Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des PIK – bedienen drastische Bilder. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Schellnubers Präsentation!

Er sagt: Wir stehen vor der MAD Herausforderung (Akronyme können wunderbar mehrdeutig sein). MAD heißt: Mitigation (Klimawandel verhindern) + Adaption (an Klimawandel anpassen) + Development (Entwicklung). Der zentrale Vorschlag: Wir brauchen eine Große Transformation der Land- und Wassernutzung! Ein Global Agricultural Commons. Was meint Schellnhuber damit?

Einer der renommiertesten Klimaforscher dieser Republik macht ein Gedankenexperiment (FOLIE 25): Was wäre, wenn wir das verfügbare Ackerland so optimal wie möglich nutzen würden? Dann würden riesige Flächen in Nordamerika und Europa, weniger riesige Flächen in Südamerika und einige andere Punkte der Erde zu den Hot Spots der Nahrungsmittelproduktion. (Das ist, was ich der Folie entnehmen kann. Den Vortrag habe ich nicht gehört und digital ist er leider nicht verfügbar. Auch die Quelle ist nicht nachzuvollziehen: Müller et al. 2006, Gl Biogeochem Cyc??)

Schellnhuber zeigt Entwürfe für eine neue, globale Landnutzung (FOLIEN 15/16). Geschützte Flächen würden erheblich ausgeweitet (v.a. Wildnis und Biodiversitäts-Hotspots), die Fortswirtschaft im globalen Maßstab verlagert (gen Norden), die Landwirtschaft zurückholt in die Mitte Europa, Weideflächen erheblich reduziert und stattdessen auf jedem Kontinent die Flächen für eine nachhaltige und nicht mit der Lebensmittelproduktion konkurrierende Energiegewinnung aus Pflanzen erweitert. Energetisch bedeutet das beispielsweise: Die Nutzung von CSP (Concentrating Solar Thermal Power) bei  Hochspannungsgleichstromübertragung (engl: High-Voltage- Direct Current) mit niedrigen Übertragungsverlusten (<15%).

Nehmen wir also an, die Landnutzung würde in nachhaltiger Weise effizienter und zunehmend auf Erneuerbaren Energien beruhen. Wie gestaltete sich dann der Zugang zur wichtigsten produktiven Ressource? Schellnhuber schlägt vor, “das Undenkbare zu denken”: Der Welt fruchtbarste Böden als Globale Gemeingüter der Landnutzung auszuweisen. (FOLIE 35)

Das Pikante daran: Sie liegen – anders als der Amazonas, für den diese Idee auch schon diskutiert worden ist, überwiegend im Norden, in den USA und in Europa. Etwas als Globales Gemeingut definieren heißt, die gesamte Menschheit hat Anspruch auf Zugang und Nutzung dieses Gutes. Anders ausgedrückt: Wir müssten teilen.

So gesehen ist mir die Idee sympathisch. Dennoch sehe ich ein größeres Problem. Land ist, anders als die wenigen anderen Natürlichen Globalen Gemeingüter (Atmosphäre, Fischbestände) an einen Ort gebunden. Die fruchtbarsten Böden der Erde als Global Commons auszuweisen würde in der Konsequenz bedeuten: um alle Menschen an diesem Common in irgend einer Form teilhaben zu lassen – produzieren wir hier und teilen die Ernte oder energetischen Erträge mit anderen. Das würde hochkonzentrierte, wenig flexible und unidirektionale Produktions- und Verteilungsprozesse nahelegen. Das Gegenteil einer wirklichen Commonsphilosophie sozusagen.

Dennoch verstehe ich, dass Schellnhuber, der sich täglich das uns bevorstehende globale Drama vergegenwärtigt, in solchen Dimensionen denkt. Ich hoffe, es gibt bald Gelegenheit, das zu diskutieren – ich würde gern die Idee der Global Agricultural Commons durchdenken.

Wenn es nämlich mit MAD nichts  wird, dann bleibt eine miserable Alternative: Das Überleben in einer +5 Grad Welt (FOLIE 23 und 36 ff). Mit ansteigendem Meeresspiegel, übersäuerten und sauerstoffarmen Böden, mehr Hitzewellen und sintflutartigen Regenfällen, den entsprechenden Fluchtbewegungen der Menschen und so weiter. Die logische Forderung Schellnhubers: Dann (oder schon jetzt) brauchen wir eine Quote für die Aufnahme von Klimaflüchtlingen.

Foto on flickr CC: BY

2 Gedanken zu “Das Undenkbare denken: Global Agricultural Commons

  1. Silke ich kann Dir da nur zustimmen, das Problem ist auf einer globalen Ebene nicht zu lösen. und erzeugt nur Folgeprobleme. Allerdings ist eine Städtepolitik die auf das richtige Verhältnis von Siedlungsraum und Nahrungsproduktions, Retentrions- und Dissipationsräumen schaut in unserer derzeitigen Struktur der Trennung von urbaner und ländlicher Planung eben nicht vorhanden. Ich würde das umgekehrte Prinzip zu Schellnhuber propagieren: Die Menschen sollen wieder sinnvoller auf dieser Welt verteilt sein und das Land befruchten! Menschliche Aktivität kann synergetisch mit Naturprozessen sein, das haben Experimente wie New Alchemy und Landlab gezeigt. Die Vision der Globalen Dörfer gründet im wesntlichen auf dieser Hypothese, und obwohl ich schon seit 20 Jahren damit beschäftigt bin steht sie erst am Anfang ihrer Ausarbeitung und Präsentation.

    Als Einstieg:

    http://www.oekonux.de/texte/globdorf.html

  2. Sind denn die Böden im Norden wirklich produktiver oder ist es nur die intensive Art der Bewirtschaftung durch die industrielle Landwirtschaft? Drei Ernten gibts nämlich im Süden und nicht hier.

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